Inhalative Sedierung

Arbeitsplatzbelastung durch volatile Anästhetika?


Fragen & Antworten

 
Prof. Dr. med. Jörg Rathgeber

Jörg Rathgeber

Prof. Dr. med., Hamburg

Kontakt

Arbeitsplatzbelastung

Eine mögliche Arbeitsplatzbelastung mit Narkosegasen ist ein häufig vorgebrachtes Argument gegen den Einsatz volatiler Anästhetika auf der Intensivstation, da die Kontamination der Raumluft durch volatile Anästhetika für das Personal zumindest ein potentielles Risiko darstellt. So ergab sich vor allem in älteren Studien vorwiegend aus den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts eine Assoziation zwischen Narkosegasexposition und ungünstigem Schwangerschaftsverlauf. Die Untersuchungen wurden vor allem mit halogenierten Kohlenwasserstoffen wie Halothan vorgenommen, deren Toxizität bei langdauernder Exposition unstrittig ist. Dennoch sind die Zusammenhänge infolge erheblicher methodischer Mängel wieder in Frage gestellt worden. Neuere, sorgfältiger angelegte Studien an geringer anästhesiegas-belasteten Kollektiven deuten zwar daraufhin, dass bei ungünstigen arbeitshygienischen Bedingungen mit hohen Gaskonzentrationen mit Befindlichkeitsstörungen und leichten neuropsychologischen Funktionseinbußen zu rechnen ist. Dagegen sind Schwangerschaftsrisiken und Fertilita?tsstörungen – vor allem mit den neueren Substanzen Isofluran, Sevofluran und Desfluran - eher geringer einzuschätzen, als dies auf Grund der Untersuchungen aus den Siebzigerjahren angenommen wurde. Eine Häufung von Spontanaborten allein durch kontaminierte OP-Luft ließ sich bei Ärztinnen und Schwestern jedenfalls nicht nachweisen, zumal auch andere Faktoren wie mentale und körperliche Belastung im OP zur erhöhten Abortrate beitragen können.

Ebenso konnte bisher kein Zusammenhang zwischen kongenitalen Missbildungen und berufsbedingter Exposition mit volatilen Anästhetika festgestellt werden. Auch frühere Angaben über eine Häufung von Infertilität bei weiblichen Beschäftigten im OP oder den Ehefrauen von Mitarbeitern haben sich bisher nicht bestätigen lassen.

Diskutiert wurde und wird immer wieder auch ein Zusammenhang zwischen der regelmäßigen Exposition mit Narkosegasen und der Häufung bösartiger Tumoren. In zahlreichen tierexperimentellen Studien wurde jedoch gezeigt, dass selbst bei lebenslanger Exposition gegenüber der maximal tolerierten Dosis weder Lachgas noch Halothan, Enfluran, Isofluran oder Methoxyfluran kanzerogen wirken.

Eine oft zitierte Studie bei Mäusen ließ zwar den Verdacht eines kanzerogenen Effektes von Isofluran aufkommen, da bei prä- und postnatal gegenüber diesem volatilen Anästhetikum exponierten Tieren Leberneoplasien beobachtet wurden. Es konnte jedoch später festgestellt werden, dass das Tierfutter durch polybromierte Biphenyle kontaminiert war, Substanzen, die für ihre tumorinduzierenden Eigenschaften bekannt sind. Nachfolgende Untersuchungen mit Mäusen zeigten jedenfalls keine kanzerogenen Wirkungen durch Isofluran.

Obwohl bei toxischen Effekten Speziesunterschiede die Extrapolation von Ergebnissen aus Tierversuchen auf den Menschen erschweren, haben zahlreiche Studien der letzten zwei Jahrzehnte gezeigt, dass Resultate von Langzeituntersuchungen mit Nagern das kanzerogene Potential eines Stoffes für den Menschen in etwa voraussagen können. Die negativen Befunde der Tierversuche lassen somit das Fehlen eines humankanzerogenen Potentials der Inhalationsanästhetika vermuten.

In verschiedenen epidemiologischen Studien wurde eine erhöhte Inzidenz an Leukämien, Lymphomen und anderen Malignomen beim Anästhesiepersonal festgestellt. Die Befunde sind jedoch nicht schlüssig, die untersuchten Populationen zumeist klein und die Daten bezüglich anderer Einflussfaktoren nicht berichtigt. In einer neueren, retrospektiven Untersuchung wurde hingegen kein Hinweis auf ein erhöhtes kanzerogenes Risiko beim OP-Personal gefunden.

Trotz dieses nicht sehr ausgeprägten Risikos ist es unumgänglich, die Anästhesiegasbelastung für das exponierte Personal unter die arbeitshygienischen Grenzwerte zu senken. Werden diese eingehalten, so darf man davon ausgehen, dass weder eine Gefährdung besteht, noch Befindlichkeitsstörungen eintreten.

Für die Sedierung mit volatilen Anästhetika auf der Intensivstation gilt daher, dass Vorrichtungen zur weitestgehenden Elimination der Narkosegase vorhanden sein müssen. Dies kann entweder durch Elimination mittels eines Kohlefilters am Exspirationsauslass des Ventilators geschehen oder durch Fortleitung der Exspirationsgase über eine Vakuumpumpe oder - bei Eignung - in den Absaugkanal der Raumluftanlage.

Mit derartigen Vorrichtungen liegen die Isofluran-Raumkonzentrationen unter 1 ppm und damit weit unter den amtlichen Grenzwerten (USA: 2 ppm; DGAI, BDA 10 ppm).


Mehr Fragen? Mehr Antworten.


Was ist das ideale volatile Anästhetikum?

Grundsätzlich sind sowohl Isofluran als auch Sevofluran und Desfluran zur Sedierung in der Intensivmedizin geeignet.

weiter…


Ist Sedierung eigentlich gleich Narkose?

Vom Prinzip ja. Dabei ist die Narkose nichts Anderes als eine tiefe Sedierung, bei der der Patient nicht mehr erweckbar ist. Das heißt, die Übergänge zwischen Sedierung und Narkose sind fließend…

weiter…


Kontraindikationen?

Die maligne Hyperthermie (MH) ist eine sehr seltene, lebensbedrohliche Stoffwechselentgleisung, die in der…

weiter…


Ist die Sedierung mit VA ein neues Verfahren?

Trotz aller Vorzüge werden volatile Anästhetika derzeit in der klinischen Routine auf der Intensivstation nur selten eingesetzt. Gründe hierfür liegen in der technisch schwierigen Applikation und Elimination von Narkosegasen…

weiter…


Aus dem Inhalt


Schmerz-Scores

Die objektive Erfassung von Schmerzen bei kritisch kranken und intubierten Patienten ist schwierig. Dementsprechend dürftig sind Daten aus evidenz-basierten Untersuchungen. Die folgenden Empfehlungen zur Beurteilung von Schmerzzuständen bei …

weiter…


Was ist das ideale volatile Anästhetikum?

Grundsätzlich sind sowohl Isofluran als auch Sevofluran und Desfluran zur Sedierung in der Intensivmedizin geeignet.

weiter…


Vorteile im Überblick

Volatile Anästhetika besitzen extrem kurze kontextsensitive Halbwertszeiten.

weiter…


Links zum Thema

Linksammlung zum Thema "Inhalative Sedierung". Links zu Videos und weiteren Hintergrundinformationen.

weiter…


Schnellere Aufwachzeiten

Denn volatile Anästhetika verfügen im Vergleich zu den bekannten intravenösen Sedativa über eine extrem kurze kontext-sensitive Halbwertszeit…

weiter…


Ist Sedierung eigentlich gleich Narkose?

Vom Prinzip ja. Dabei ist die Narkose nichts Anderes als eine tiefe Sedierung, bei der der Patient nicht mehr erweckbar ist. Das heißt, die Übergänge zwischen Sedierung und Narkose sind fließend…

weiter…


Kontraindikationen?

Die maligne Hyperthermie (MH) ist eine sehr seltene, lebensbedrohliche Stoffwechselentgleisung, die in der…

weiter…


Analgosedierung - Was ist das?

Als Analgosedierung (Synonyme: Analgosedation, Sedoanalgesie) bezeichnet man einen medikamentös erzeugten sogenannten "Dämmerschlaf". Dabei befindet sich der Patient idealerweise in einem schmerzfreien und Zustand, wobei er weder Stress noch Angst…

weiter…

Hinweis


User Hinweis

Diese Webseite stellt eine Daten- und Artikelsammlung zum Thema "Inhalative Sedierung" dar.

Jede Applikation bzw. Dosierung erfolgt auf eigene Gefahr des Benutzers.

Mit der weiteren Nutzung dieser Webseite erklären Sie sich damit einverstanden.

Weitere Informationen im Impressum.

Falls Sie der Nutzungsbedingung nicht zustimmen, klicken Sie bitte hier.